#3 Das war 2025

2025 hat sich zwischendurch immer wieder so angefühlt, als würde ich auf der Stelle treten. Mit etwas Abstand zeigt sich aber: Es ist viel passiert – nur oft nicht dort, wo man es sofort sieht. Ich bin nicht den Weg gegangen, den ich ursprünglich geplant hatte, aber ich habe mich doch weiterbewegt. Vor allem in Themen, die selten im Vordergrund stehen: Strukturen, Finanzierung, Verantwortung. Dieser Text ist ein thematischer Rückblick auf genau diese Arbeit.

Netzwerkarbeit: keine reine Kür

Ein großer Teil meiner Arbeit in diesem Jahr fand dort statt, wo sie selten sichtbar wird: in Netzwerken. Nicht als „nice to have“, sondern als notwendige Infrastruktur. Netzwerkarbeit hält die freie Szene zusammen – und wird trotzdem oft so behandelt, als könne sie ehrenamtlich, nebenbei oder irgendwann selbsttragend funktionieren.

Ich engagiere mich unter anderem bei der produktionsbande, weil Produzent*innen in der freien Szene systematisch unterschätzt werden. Sie organisieren, vermitteln, übersetzen zwischen Kunst, Verwaltung und Förderung. Und tragen somit Verantwortung, ohne dafür angemessen abgesichert zu sein. Dass der Verein nach fünf Jahren seine Förderung verliert, obwohl der Bedarf ungebrochen ist, ist kein Einzelfall.[1] Es ist Ausdruck eines Fördersystems, das Netzwerke gerne nutzt, aber ungern dauerhaft finanziert.

Statt mich damit abzufinden, beteiligte ich mich aktiv an der Suche nach Lösungen. Und ja, das bedeutet gerade vor allem ehrenamtliche Arbeit. Aber aus der Überzeugung heraus, dass funktionierende Strukturen nicht einfach „auslaufen“ dürfen.

Denn wenn Netzwerke wegfallen, verschwinden nicht nur Austauschformate, sondern Wissen, Zugänge und kollektive Handlungsfähigkeit.

Ganz ähnlich erlebe ich meine Arbeit bei TanzPlusSüd. Das Netzwerk stärkt den zeitgenössischen Tanz im süddeutschen Raum. Die diesjährige Netzwerkförderung des Fonds Darstellende Künste war ein wichtiger Schritt, weil sie nicht mehr „nur“ Residenzaustausche, sondern vermehrt Beziehungspflege und strukturelle Entwicklung ermöglicht.

Besonders zentral waren und sind dabei Gespräche mit Kulturverwaltungen und Expert*innen auf der Meta-Ebene: Wie kann zeitgenössischer Tanz im Süden langfristig gestärkt werden? Welche Verantwortung trägt öffentliche Förderung jenseits von Projektlogiken?

Diese Arbeit ist mühsam, dauert – und interessiert außerhalb der Szene kaum jemanden. Aber sie ist grundlegend. Netzwerkarbeit ist keine Zusatzaufgabe der Szene, auch wenn sie oft so behandelt wird. Sie ist Basisarbeit. Dass sie oft prekär bleibt, ist keine Naturgegebenheit, sondern eine politische Entscheidung.

Kultur im ländlichen Raum:

zwischen Realität und Romantisierung

Die Fragen nach Strukturen und Verantwortung haben mich in diesem Jahr nicht nur in Netzwerken beschäftigt, sondern auch ganz konkret in der Auseinandersetzung mit Kultur im ländlichen Raum.

Sie wird gerne romantisiert: als besonders nahbar, engagiert, gemeinschaftlich. Doch die Realität ist komplexer. Kultur auf dem Land ist geprägt von struktureller Unterfinanzierung, hohen Erwartungen und dem ständigen Vergleich mit urbanen Zentren – obwohl die Voraussetzungen schlicht andere sind.

Zum ersten Mal konnte ich in einem Impulsvortrag beim Trigger Festival in Nürnberg genau darüber sprechen: Förder- und Finanzierungsrealitäten im ländlichen Raum. Denn die Unterschiede zwischen Stadt und Land zeigen sich hier besonders drastisch: Während Städte in der Regel über Kulturämter, feste Ansprechpartner*innen und etablierte Förderregularien verfügen, fehlen diese Strukturen im ländlichen Raum oft komplett oder sind nur rudimentär vorhanden.

Diese strukturellen Lücken haben konkrete Folgen. Kulturelle Akteur*innen müssen nicht nur Projekte realisieren, sondern parallel Förderwege recherchieren, erklären und teilweise neu erfinden. Die Erwartung, unter diesen Bedingungen dieselben Ergebnisse zu liefern wie in urbanen Zentren, blendet aus, dass Förderfähigkeit kein individueller Skill ist, sondern an vorhandene Verwaltungsstrukturen gekoppelt ist.

Diese Argumentation habe ich auch in meinem Artikel im Kulturmanagement Network Magazin weiter ausgeführt. Kulturfinanzierung im ländlichen Raum scheitert selten an Ideen oder Engagement, sondern an fehlenden Zuständigkeiten, unklaren Verfahren und mangelnder Kontinuität.

Wo es keine verlässlichen Förderinstrumente gibt, entsteht keine Planungssicherheit – und ohne Planungssicherheit keine nachhaltige kulturelle Arbeit.

Auch bei unserem KUK im Talk im Rahmen des ZWICKL.dokumentarfilmfestivals in Schwandorf wurde schnell deutlich: Es fehlt nicht an Engagement oder Ideen, sondern an struktureller Absicherung und langfristigen Perspektiven.

Was mich dabei besonders umtreibt: Kultur im ländlichen Raum wird oft dann entdeckt, wenn sie als Standortfaktor oder soziales Pflaster gebraucht wird. Die dafür nötige Arbeit soll aber möglichst günstig, flexibel und dauerhaft verfügbar sein. Eine Rechnung, die einfach nicht aufgeht.

Wissen teilen statt gatekeepen

Eins meiner Highlights dieses Jahr, weil es einfach so viel mehr Spaß gemacht hat, als ich erwartet habe: Workshops. Künstler*innen befähigen, das System zu verstehen und sich darin eigenständig zu bewegen – it just makes me happy.

Im „Fit for Funding“-Workshop geht es darum, die Basics von Förderlogiken greifbar zu machen: Wie funktioniert die Förderlandschaft in Deutschland? Wie schreibe ich einen Antrag? Worauf muss ich besonders achten? Ein mindblowing Moment für mich war dabei, dass ein Großteil von Hochschul-Absolvent*innen noch nie von Honoraruntergrenzen gehört hatten. Das ist kein individuelles Versagen, sondern politisch. In einem Ökosystem, dass auf „Leidenschaft“ aufbaut und Geld nur als Mittel zum Zweck ansieht, ist (Selbst)Ausbeutung an der Tagesordnung. Umso fataler, wenn junge Menschen nicht wissen, was ihnen zusteht und wie sie ihre eigenen Rechte und Ressourcen schützen.

Für 2026 habe ich mir vorgenommen, diese Angebote noch auszubauen. Mein Ziel ist klar: Möglichst viele Künstler*innen sollen die Mechanismen hinter Förderung verstehen, ihre Projekte eigenständig planen und dadurch ihre Position im System stärken. Wissen ist Macht – und diese Macht darf nicht bei wenigen bleiben.

Die tägliche Arbeit a.k.a. “Der Rest”

Neben all dem besteht meine Arbeit *eigentlich* ganz wesentlich aus dem täglichen Doing. Gespräche führen, Projekte sortieren, Anträge schreiben, Prozesse begleiten. Also ganz konkrete Aufgaben, die selten sichtbar sind, aber immer über Machbarkeit entscheiden.

Im vergangenen Jahr habe ich 17 Erstgespräche geführt, aus denen neun neuen Kund*innen wurden. Zusätzlich zu denen, die schon seit 2024 da waren. Insgesamt habe ich bei 18 Förderanträgen unterstützt, mit einem beantragten Volumen von über 450.000 Euro. Sieben dieser Anträge wurden bewilligt, mit einer Fördersumme von 313.000 Euro, fünf weitere sind noch in Entscheidung.

Das ein gewisser Prozentsatz abgelehnt wird, ist normal und okay. Und ich wiederhole hier mantraartig das, was ich auch jedem*r einzelnen*r Künstler*in sage, wenn es nicht geklappt hat: Es hat sehr wahrscheinlich absolut nichts mit der künstlerischen Qualität deines Projekts zu tun. Es hat noch nicht einmal etwas damit zu tun, dass die anderen Projekte „besser“ waren. Juror*innen sind Menschen, die menschliche Entscheidungen treffen und das Geld ist begrenzt. Wir versuchen es zu einem späteren Zeitpunkt nochmal.

Und was ganz wichtig ist: Eine Bewilligung ist kein Endpunkt, sondern eigentlich erst der Anfang weiterer Arbeit: Projektumsetzung, Mittelabrufe, Abrechnungen, Verwendungsnachweise.

Projekte, die über mehrere Monate oder sogar Jahre laufen, erfordern kontinuierliche Abstimmung und Nachjustierung, um am Ende einen sauberen Abschluss zu erzielen. Und genau hier zeigt sich, was Förderberatung jenseits des Antragsschreibens – für mich – bedeutet: mitdenken, nachfragen, korrigieren.

Was mir dabei wichtig ist: Förderung ist kein Selbstzweck.

Sie soll künstlerische Arbeit ermöglichen, nicht zusätzliche Überforderung produzieren. Deswegen versuche ich immer wieder realistische Budgets zu entwickeln, die an die von außen vorgegebenen Grenzen stoßen. Arbeitsumfänge ehrlich zu benennen, auch wenn ich weiß, dass sie so wahrscheinlich nicht bezahlbar sind. Und im Zweifel auch mal davon abzuraten, ein Projekt überhaupt einzureichen.

Und 2026?

Dieser Rückblick zeigt ganz exemplarisch, wie kulturelle Arbeit aktuell funktioniert – und wo sie an ihre Grenzen stößt. Netzwerke, Finanzierung, Wissenszugang und tägliche Projektarbeit hängen enger zusammen, als es Förderlogiken oft abbilden. Wenn wir Kultur nachhaltig stärken wollen, müssen wir genau dort ansetzen: bei Strukturen, nicht nur bei Ergebnissen.

Für mich heißt das, weiter genau hinzuschauen, Fragen zu stellen und Verantwortung nicht an „das System“ abzugeben. Nicht alles lässt sich schnell lösen, aber vieles ließe sich anders organisieren. Dieser Text ist deshalb weniger Abschluss als Zwischenstand. Und eine Einladung, diese Themen nicht nur innerhalb der Szene zu verhandeln.






[1] Über das Bundesprogramm verbindungen fördern wurden viele bundesweite Netzwerke in den freien darstellenden Künsten strukturell gefördert. Die meisten stehen jetzt vor dem aus. https://darstellende-kuenste.de/aktuelles/mehr-geld-fuer-die-geschaeftsstelle-absage-strukturfoerderung

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#2 Brauchen wir das wirklich alles?