#04 The Good, the Bad, and the Necessary

Neue Empfehlungen zu Honoraruntergrenzen des BFDK

Der Bundesverband Freie Darstellende Künste (BFDK) hat Ende 2025 neue Empfehlungen für Honoraruntergrenzen herausgegeben. Und gefühlt ist die Aufregung groß. Aber warum eigentlich?

Die Fakten

Damit wir überhaupt alle erstmal wissen, worum es geht.

Für Nicht-KSK-Versicherte: statt 3.600 € können sie jetzt 4.220 € im Monat verlangen (Anstieg um 17,22 %) und statt 830 € in der Woche jetzt 970 € (Anstieg um 16,87 %).

KSK-Versicherte: von 3.100 € steigen sie auf 3.600 € im Monat (Anstieg um 16,13 %) und von 715 € zu 830 € in der Woche (Anstieg um 16,1 %).

Warum gab es diese neuen Empfehlungen?

Der BFDK orientiert sich bei seinen Honoraruntergrenzen (HUG) am Normalvertrag Bühne, der für einen Großteil der angestellten Künstler*innen in den Darstellenden Künsten gilt. Hier sind die Bruttogehälter ebenfalls gestiegen. Ausgehend davon wird für selbstständige Künstler*innen der Sozialversicherungsbeitrag bzw. der KSK-Beitrag sowie eine Pauschale von 300 € „zur Abdeckung weiterer Risiken und Kosten“ addiert. Daraus entstehen die neuen Summen.

Die Erhöhung der HUG ist also eine ganz natürliche und logische Entwicklung in einer Zeit steigender Lebenshaltungskosten.

Und die Beschwerden lassen nicht auf sich warten

In persönlichen Gesprächen hat es nicht lange gedauert, bin ich die ersten Beschwerden von institutioneller Seite gehört habe.

„Wie stellen die sich das denn vor?“

“Die Häuser haben das Geld nicht!”

“Wer soll das bezahlen?”

Und I get it! Das sind berechtigte Fragen und Einwände. Aber sie richten sich an die falschen Adressaten.

Der BFDK ist vor allem eines: eine Interessenvertretung. Und also solche ist es seine Aufgabe diese Interessen zu bündeln, Standards zu setzen und (Achtung!) politischen Druck zu erzeugen. Die Aussage, der BFDK müsse „mitdenken“, was sich Häuser leisten können, verschiebt Verantwortung. Gewerkschaften senken ihre Forderungen auch nicht, weil die Unternehmen schlecht wirtschaften. Das ist nicht ihre Aufgabe.

Die Realität ist langsamer

Nun lässt es sich natürlich trotzdem nicht wegreden, dass diese Empfehlungen – sollten sie im Rahmen von geförderten Projekten umgesetzt werden (müssen) – ein Dilemma nach sich ziehen werden. Viele Produktionshäuser, Spielstätten und Festivals arbeiten jetzt schon am Limit, mit Budgets, die so auf Kante genäht sind, dass es an ein Wunder grenzt, wenn nicht die ganze Naht bei der kleinsten Bewegung wieder reißt. Und nur weil es jetzt neue Empfehlungen für Honoraruntergrenzen gibt, heißt das nicht, dass die Etats im gleichen Maße mit ansteigen.

 Für die Praxis bedeutet das vor allem: weniger Produktionen, kleinere Besetzungen, kürzere Probenzeiten.

Und um jetzt mal den Finger so richtig in die Wunde zu legen: Das muss gar nicht mal was Schlechtes sein.

Die Not als Tugend oder: wir sind eh alle ausgebrannt

Der hohe Output, das ständige Produzierenmüssen, das immer mehr mehr mehr – das ist schon lange ein strukturelles Problem in der Szene.

Künstler*innen jonglieren zig Projekte gleichzeitig mit zu wenig Geld und sind wir mal ehrlich: alle sind erschöpft. Weniger Produktionen kann also auch bedeuten: bessere Arbeitsbedingungen, realistischere Zeitpläne, weniger (Selbst)Ausbeutung. Wir hätten wieder ein bisschen mehr Zeit für Qualität, statt immer der Quantität nachzujagen.

Der vermeintliche Konflikt liegt also nicht zwischen Künstler*innen und Häusern. Sondern zwischen Szene und Förderlogik.

Die letzten Honoraruntergrenzen sind auch nicht vom Himmel gefallen und ihre Verankerung in Förderungen erst recht nicht. Auch diesmal wird es nicht anders sein. Das Aussprechen der Empfehlungen durch den BFDK war nur der erste Schritt in einem Aushandlungsprozess.  

Was bedeutet das für dich und mich konkret?

Was wir jetzt brauchen sind keine gegenseitigen Schuldzuweisungen. Sondern Zusammenarbeit von Künstler*innen und Häusern auf Augenhöhe. Gemeinsame Kommunikation gegenüber Förderern und Politik.

Und das bedeutet im Sinne der Solidarität auch:

Keine „freiwillige“ Umgehung der Empfehlungen

Keine Projekte durchführen, wenn sie nur unter unfairen Bedingungen möglich wären.

Wenn ihr es euch in eurer persönlichen Situation leisten könntet auch unter der HUG zu arbeiten, dann ist das very good for you. Aber mit jedem Projekt, das ihr „unter Wert“ verkauft, sinkt das Verständnis für all jene, die auf fairen Honoraren beharren.

Nur ein Anfang

Erhöhte Honoraruntergrenzen lösen bei weitem nicht alle Probleme, die die Szene hat. Aber sie sind ein erster Schritt, um sie sichtbar zu machen. Nicht nur durch ihre Begründung, sondern auch indem sie ein System zwingen, Stellung zu beziehen.

Die eigentliche Frage ist also in meinen Augen nicht, ob wir uns Fair Pay leisten können – sondern ob wir es uns noch lange leisten können, es nicht zu tun.

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#3 Das war 2025