#7 Kulturförderung zwischen Anspruch und Realität

Warum reicht eine Förderung bei großen Projekten fast nie aus?

 

Ein Theaterhaus plant eine große Sanierung und ein neues partizipatives Programm dazu. Volumen: 120.000 Euro. Der Wunsch der Verantwortlichen ist klar: ein Förderantrag, eine Bewilligung, ein Ansprechpartner – und dann kann es losgehen.

Drei Monate später sieht die Realität anders aus. Die Sanierung läuft über ein Förderprogramm für Infrastruktur, das Programm braucht eine kulturelle Projektförderung, ein Teil der Kosten lässt sich nur über kommunale Mittel decken und für die Eigenanteile wird parallel nach einer Stiftung gesucht. Vier Anträge mit jeweils eigenen Logiken und eigenen Fristen.

So oder so ähnlich passiert es ständig, sobald ein Kulturprojekt eine gewisse Größenordnung erreicht. Und genau hier öffnet sich die Lücke zwischen Anspruch und Realität, über die in der Kulturförderung selten offen gesprochen wird:

Träger erwarten eine Förderung. Sie bekommen einen Flickenteppich.

Ich begleite seit mehreren Jahren Kulturprojekte durch genau diese Förderlandschaft, früher auf Landesebene als Teil einer Förderstelle, heute als Beraterin auf der anderen Seite. Deswegen weiß ich, dass das Problem selten darin liegt, dass es zu wenig Förderung gibt. Das Problem ist fast immer, dass die Förderlandschaft nie dafür gebaut wurde, große Projekte aus einer Hand zu bedienen.

Was verspricht Kulturförderung in Deutschland eigentlich?

Der Gedanke hinter Kulturförderung ist im Kern ein guter und wichtiger: Kunst und Kultur sollen nicht allein dem Markt überlassen werden. Förderprogramme sollen ermöglichen, was sich wirtschaftlich nicht von selbst trägt. Also Innovation, künstlerisches Risiko, Programme in strukturschwachen Räumen, Projekte mit gesellschaftlichem statt kommerziellem Mehrwert und so weiter …

Auf dem Papier ist der Anspruch entsprechend hoch. Bund, Länder, Kommunen, Stiftungen und EU-Programme formulieren immer wieder ähnliche Ziele: kulturelle Teilhabe stärken, Innovationen ermöglichen, strukturschwache Regionen unterstützen, freie Träger neben den etablierten Institutionen sichtbar machen. Und so weiter …

Wie dieser Anspruch jedoch finanziell eingelöst wird, hat dabei von Anfang an eine klare Grenze: Denn Vollfinanzierung ist in der Kulturförderung so gut wie nie das Modell. Die meisten Programme decken maximal 80 bis 90 Prozent der Kosten, oft sogar weniger. Der Rest soll über Eigenmittel kommen, also Ticketeinnahmen, Spenden, vielleicht eine kleine ergänzende Förderung etwa von einer Sparkasse oder lokalen Stiftung.

Für ein klar umrissenes, mittelgroßes Projekt geht diese Rechnung oft auf. Eine Hauptförderung deckt den Großteil, der Eigenanteil lässt sich stemmen, ein kleiner Baustein schließt die Lücke.

Sobald ein Projekt aber wächst – im Budget, in der Laufzeit, in der Anzahl der Bausteine, die es verbindet – stößt dieses Modell an eine harte Grenze: Förderprogramme haben nämlich nicht nur einen maximalen Förderanteil, sondern auch eine maximale Fördersumme. Reicht diese Summe nicht mehr aus, um den Großteil des Projekts zu tragen, lässt sich die Lücke nicht mehr mit Eigenmitteln und einer kleinen Zusatzförderung schließen. Genau hier beginnt der Flickenteppich.

Warum der Förderaufwand bei großen Projekten überproportional wächst

Wer eben noch dachte “Das ist halt eine Randnotiz.”, wird ab einer bestimmten Projektgröße merken, dass es viel eher eine zentrale Herausforderung ist.

Denn reicht die maximale Fördersumme eines Programms nicht aus, um den Großteil eurer Projektkosten zu decken, bleibt nur eine Möglichkeit: mehrere Förderquellen kombinieren. Aus der einen Förderung werden drei, vier, manchmal fünf. Und jede von ihnen hat eigene Förderlogiken, eigene Fristen, eigenen Berichtspflichten und Vorgaben für Verwendungsnachweise.

Die Anzahl der Bausteine, die zusammengesetzt werden müssen wächst also rasant an. Und mit jedem Baustein wächst außerdem der Koordinationsaufwand überproportional.

Zwei Förderungen zu verwalten ist nicht doppelt so aufwendig wie eine. Es ist eher das Drei- oder Vierfache,

weil jede zusätzliche Quelle eigene Fristen, eigene Nachweise und eigene Ansprechpersonen mitbringt – und weil all das untereinander kompatibel gehalten werden muss.

Hinzu kommt die Frage der Kumulierung: Förderprogramme regeln häufig, ob und wie sie mit anderen öffentlichen Mitteln kombiniert werden dürfen. Was für sich genommen zulässig ist, kann in Kombination plötzlich eine beihilferechtliche Grenze berühren oder eine Förderquote überschreiten, die für das Gesamtprojekt gilt – nicht für die einzelne Förderung. Wer das erst entdeckt, nachdem die Anträge schon laufen, steht vor einem Problem, das sich nur noch schwer rückwirkend lösen lässt.

Ein Projekt mit einem Volumen von 100.000 Euro oder mehr aus einer einzigen Förderung zu stemmen, ist deshalb eher die Ausnahme als die Regel. Der Flickenteppich dagegen ist der Normalfall.

Wer trägt die Verantwortung für die Koordination?

Die größte Stolperfalle liegt am Ende darin, dass all diese verschiedenen Förderungen koordiniert werden müssen. Und diese Koordinationsarbeit landet selten bei einer Person, die sie ganzheitlich überblickt. Stattdessen verteilt sie sich auf Rollen, die jeweils nur einen Ausschnitt sehen.

Die künstlerische Leitung hat den Kopf voll mit Inhalt, Programm, künstlerischer Qualität. Förderlogik ist nicht ihr Kerngeschäft und das muss sie auch nicht sein. Gibt es eine eigene Produktions- oder Projektleitung, landet die Koordination meist dort. Nur hält diese Position gleichzeitig alle anderen organisatorischen Fäden des Projekts zusammen – sei das Technik, Personal, Spielplan oder Kommunikation. Förderkoordination ist hier eine Aufgabe von vielen, nicht die einzige. Größere Institutionen haben auch mal eine hauseigene Buchhaltung, was ist denn mir der? Die kennt zwar die Zahlen, vielleicht auch die Fristen, aber selten das gesamte Projekt inhaltlich oder die Förderlogik im Detail. Sie verwaltet, was ihr zugespielt wird, ohne den strategischen Überblick zu haben.

Es ist also nicht so, dass niemand dafür zuständig wäre. Vielmehr sind verschiedene Personen jeweils ein bisschen zuständig. Dass dabei früher oder später etwas übersehen wird, ist quasi vorprogrammiert. In der Regel fehlt deswegen eine Person, die inhaltlich, organisatorisch und buchhalterisch einen Blick auf die Förderlogik als Ganzes hat.

Genau an diesem Punkt entscheidet sich zunächst, ob ein großes Projekt überhaupt zustande kommt und später, ob es korrekt abgerechnet wird – oder ob es an genau dieser Lücke zwischen den Zuständigkeiten scheitert, ganz unabhängig von inhaltlichen oder künstlerischen Fragen.

Wie sieht eine Förderstrategie für große sechsstellige Kulturprojekte also aus?

Wenn die Lücke nicht beim Geld liegt und nicht bei fehlendem Willen, sondern bei einer Aufgabe, die zwischen den vorhandenen Rollen durchfällt, ergibt sich daraus auch die Antwort: Es braucht eine Person, die die Förderlogik des gesamten Projekts von Anfang an als Ganzes denkt.

Dazu gehören drei essenzielle Bausteine:

Die Förderlandschaft kartieren, bevor der erste Antrag geschrieben wird. Statt mit der naheliegendsten Förderung zu starten und dann zu sehen, was an Lücken übrig bleibt, lohnt sich der umgekehrte Weg: erst das gesamte Projekt in seine förderfähigen Bestandteile zerlegen, dann passende Förderquellen dafür suchen. So entsteht ein Bild davon, wie viele Förderlinien realistisch nötig sind.

Kumulierung von Anfang an mitdenken. Welche Förderungen sich kombinieren lassen und welche Grenzen dabei gelten, ist keine Frage, die sich erst stellt, wenn die ersten Bescheide da sind. Wer das von Beginn an einplant, vermeidet, dass ein Projekt mitten in der Umsetzung an einer beihilferechtlichen Grenze oder einer überschrittenen Förderquote scheitert.

Zeitachsen von der Förderlogik her planen. Förderprogramme haben eigene Fristen, eigene Entscheidungszeiträume, eigene Auszahlungsrhythmen. Ein Projektstart, der sich am künstlerischen oder organisatorischen Wunschtermin orientiert statt an der Realität mehrerer Förderzyklen, produziert genau die Art von Druck, unter dem am Ende das Projekt selbst leidet.

Keiner dieser drei Bausteine braucht zwingend eine externe Person. Aber sie alle brauchen Zeit, Überblick und eine gewisse Distanz zum Tagesgeschäft. Förderstrategie ist deshalb bei Projekten dieser Größenordnung kein zusätzlicher Luxus, den sich ein Träger leisten kann, wenn Zeit übrig ist.

Sie ist die Voraussetzung dafür, dass der ursprüngliche Anspruch am Ende nicht an der Realität des Flickenteppichs zerbricht.

Förderstrategie ist die Voraussetzung, nicht das Add-on

Große Kulturprojekte scheitern selten an mangelndem Willen oder fehlender Förderbereitschaft. Sie scheitern an einer Lücke, die niemand explizit verantwortet: die vielen Fäden mehrerer Förderquellen zusammenzuhalten.

Wer das früh erkennt, gewinnt etwas Entscheidendes: Zeit, die Förderlandschaft zu sortieren, bevor der erste Antrag geschrieben ist, statt mitten in der Umsetzung nachzubessern.

Wenn dein Projekt eine Größenordnung erreicht, bei der eine einzelne Förderung nicht mehr trägt, lohnt sich genau dieser Blick von außen. Im Förderstrategie Check schauen wir gemeinsam, wie dein Projekt förderstrategisch wirklich aufgestellt ist.

Und zwar bevor aus der Idee ein Flickenteppich wird.

Weiter
Weiter

#6 Ist mein Projekt antragsreif?