Nicht jeder Antrag muss gestellt werden
Vor Kurzem erst passiert: Ich habe den Vertrag mit einem kleinen Ensemble unterschrieben. Yay, ich unterstütze euch jetzt bei der Förderplanung für eure neue Produktion!
Das Konzept stand bereits, der Kostenplan auch, kurze Zeit später war der Premierentermin bestätigt. Anhand der Infos machte ich mich an die Arbeit. Fördertöpfe recherchieren, Richtlinien lesen, Zeitpläne abgleichen … Am Ende stand eine Roadmap, in der genau festgehalten ist, wann welcher Antrag gestellt werden muss. Das ist Plan A, Plan B liegt ebenfalls schon in der Schublade.
Anhand dieser Roadmap weiß jede*r was wann zu tun ist. Und dann bekam ich E-Mails. „Guck mal, da ist ein Call, der interessant für uns wäre.“, „Da wollen wir auch noch einen Antrag stellen.“, „Kannst du dir diesen Topf mal noch angucken?“
Und da dachte ich: Hoppla. Ihr bezahlt mich doch für diese Strategie? Wozu erstelle ich denn die Roadmap, wenn wir dann trotzdem jeden attraktiven Call mitnehmen (müssen/wollen)?
Also schauen wir uns das jetzt mal an:
Die „Beantragen-um-jeden-Preis“-Mentalität in der Freien Szene
Was viele nicht sofort verstehen, ist, dass meine Förder-Roadmap keine Sammlung an Möglichkeiten ist, aus denen wir uns bedienen. Sie ist eine bewusste Entscheidung für ausgewählte Fördertöpfe – und damit auch gegen andere. Das ist der Punkt, wo es für viele … ungemütlich wird.
Fördermittel wirken wie eine „kostenlose“ Ressource, die Beantragung kostet erstmal nichts. Außer eurer Zeit (und eigentlich haben wir da schon den Übeltäter, aber erstmal weiter im Text).
Die prekäre Finanzierungslage der Freien Szene erzeugt dazu noch das nötige Knappheitsdenken. Dementsprechend habe viele Kulturarbeitende richtig krasse FOMO, sobald ein neuer Fördertopf aufmacht. Denn viele Anträge = viel Geld. Oder? Na ja, nicht unbedingt.
Das Antragsschreiben wird so zum Selbstzweck, ein Reflex statt eine echte Entscheidung.
Was mir hier wichtig zu betonen ist: Das ist kein Fehlverhalten von Projektträger*innen (und auch kein Shade an die lieben Menschen, die mich zu diesem Beitrag inspiriert haben!). Das ist einfach das System, in dem alle Kulturarbeitenden mehr oder weniger sozialisiert wurden.
Also: Wieso schreiben wir nicht einfach 100 Anträge und hoffen das Beste?
Was ein unnötiger Förderantrag wirklich kostet
Polemisch gesagt: Weil Hoffnung keine Strategie ersetzt. Hoffnung funktioniert vielleicht, wenn wir an den See fahren und die Daumen drücken, dass es noch einen schönen Schattenplatz auf der Wiese gibt. Aber wenn es um meine Lebensgrundlage geht, finde ich persönlich Strategie schon besser.
Also, was kostet die „Beantragen-um-jeden-Preis“-Mentalität wirklich?
Der Zeitaspekt
Zeit für Konzeptarbeit, Recherche, Abstimmung ist immer unentgeltliche Arbeit, denn die Vorarbeit, die in jeden einzelnen Antrag fließt, ist grundsätzlich nicht förderfähig. Nie.
Ganz zu schweigen von der Zeit, die alleine dafür drauf geht, euren KFP in die geforderte Vorlage zu übertragen (weil natürlich hat jede*r Förder*in eine eigene Vorlage!), euch Antworten für die Fragen im Formular zu überlegen und die Projektbeschreibung auf die jeweils maximale Zeichenzahl einzustampfen.
Und weil ich das Argument schon höre: Ja, ich bereite das alles für euch, für jeden einzelnen Antrag vor. Aber auch ich habe nur eine bestimmte Anzahl Stunden am Tag und genau deswegen erstelle ich ja die Roadmap. Ich bin Strategin, keine Antragsschreibmaschine.
Qualitätsverlust
Eine zu große Streuung geht oft zulasten der inhaltlichen Qualität eurer Anträge. Mit Copy-Paste ist es in der Regel nicht getan, aber Sorgfalt und Aufmerksamkeit sind eben genauso endliche Ressourcen wie die Zeit – vor allem dann, wenn viele Anträge in kurzer Zeit geschrieben werden sollen.
Das Gefühl von „mehr Anträge = mehr Sicherheit“ ist extrem trügerisch, denn im Gegenteil ist es sehr wahrscheinlich, dass die Qualität pro Antrag sinkt. Und das resultiert nicht nur in mehr Absagen, sondern gefährdet auch die Anträge, die eigentlich eine Chance hätten.
Reputationsrisiko
Stellt euch mal vor, ihr seid Arbeitgeber*in und lest Bewerbungen. Und dann ist da eine dabei, die ganz offensichtlich genauso an zig andere Unternehmen ging. Die Person hat sich überhaupt nicht mit euch oder eurem Unternehmen beschäftigt. Stattdessen ist das Anschreiben voller nichtssagender Floskeln. Die Bewerbung würdet ihr wahrscheinlich sofort aussortieren, oder?
Und jetzt stellt euch mal vor, dieselbe Person bewirbt sich ein paar Monate später wieder bei euch. Ihr erinnert euch an den Namen und sortiert gleich wieder aus. Wenn die Bewerbung jetzt herausragend wäre, würdet ihr es nicht mehr merken.
Das Beispiel ist überspitzt und Förderinstitutionen funktionieren nicht ganz so wie Wirtschaftsunternehmen. Solange er formal korrekt ist, kommt auch euer zweiter Antrag in die Auswahl. Aber trotzdem bleibt ein Geschmack bei der Jury zurück, den ihr wahrscheinlich so schnell nicht mehr loswerdet.
All diese Probleme potenzieren sich, desto größer euer geplantes Projekt ist. Spätestens ab dreistellig wird’s richtig haarig.
Und deswegen schauen wir jetzt mal genau dahin, wo es den meisten wahrscheinlich am meisten wehtut. Nämlich auf die Kriterien, wann sich ein Antrag definitiv nicht lohnt.
Checkliste: Wann sich ein Förderantrag nicht lohnt
Fehlende strategische Passung:
Der Call passt formal zu eurem Projekt, aber inhaltlich nicht zu eurer Ausrichtung. (Das sollte ein No Brainer sein, aber erstaunlich oft, versuchen Kulturarbeitende ihre Projekte in die Förderkriterien zu pressen. Bitte macht das nicht.)
Falsches Timing:
Inhaltlich passt es gut, aber der Förderzeitraum passt nicht zu eurem Plan oder zu anderen schon gestellten Anträgen oder zu beidem. Oder die Frist ist so kurzfristig, dass sie nur zu halten ist, wenn andere Prioritäten geskippt werden.
Schlechtes Kosten-Nutzen-Verhältnis:
Es gibt Anträge (und ich verstehe nicht, wie man so etwas als Förderstelle konzipieren kann!), da ist allein die Arbeit, die ich in die Beantragung stecke, schon die ganze Fördersumme wert. Deswegen versuche ich mit einer Faustformel zu arbeiten: pro halbe Arbeitsstunde für die Antragsvorbereitung sollten mindestens 1.000 € an Förderung rausspringen.
zu hohe Opportunitätskosten:
Wenn ihr schon wisst, dass es absehbar eine bessere Förderlinie gibt oder ohnehin schon etwas anderes in Vorbereitung ist, dann verschwendet eure Kapazitäten nicht für einen “möglicherweise”-Antrag.
Echter Bedarf oder bloß Verfügbarkeit:
Die Möglichkeit existiert und passt mehr oder weniger zu eurem Projekt – aber eigentlich seid ihr schon gut aufgestellt. Vielleicht doch nur FOMO?
Ist das Projekt überhaupt schon so weit?
Dass euer Projekt generell schon so weit ist, um Förderung zu beantragen, habe ich hier jetzt vorausgesetzt. Falls ihr euch da aber noch nicht so sicher seid (denn das ist nochmal eine andere Diskussion), dazu habe ich auch schon einen ganzen Blogbeitrag geschrieben.
Wenn mehrere dieser Punkte zutreffen, dann ist ein guter Zeitpunkt, um mal kurz innezuhalten und zu hinterfragen: Wieso will ich diesen Antrag gerade stellen?
Viele Anträge sind keine Förderstrategie
Das alles sind letztendlich Symptome einer weit verbreiteten Fehlannahme. Nämlich der, dass Antrag = Strategie. Das ist nur leider wirklich falsch.
Ein Antrag ist erstmal nur eine Handlung.
Eine Strategie ist die Summe der Entscheidungen vor dem ersten Antrag. Inklusive der Entscheidungen gegen einzelne Möglichkeiten.
Erinnern wir uns an mein Eingangsbeispiel: meine Roadmap ist die Strategie. Ich sage nicht, dass die in Stein gemeißelt und unfehlbar ist, aber! Die meisten Calls, die spontan dazu genommen werden, unterlaufen diese Strategie, statt sie zu ergänzen. Dann haben wir irgendwann keine Roadmap mehr, anhand derer wir arbeiten, sondern einfach nur eine Liste, die immer länger wird.
Ja, ich verfasse Antragstexte für euch. Aber die eigentliche strategische Leistung – meine Leistung – liegt in der Bewertung vorher. Und Bewertung heißt auch, dass ich öfter mal Nein sage, wenn das meiner fachlichen Meinung nach die richtige Entscheidung ist.
Und dann müssen wir alle gemeinsam im Team ein bisschen Verunsicherung aushalten. Aber we got this.
Wie schon gesagt: desto größer euer Projektvolumen, desto größer werde auch die „unsichtbaren“ Kosten für unausgereifte Anträge. Kleine Projekte verzeihen mehr, Beliebigkeit in der Antragstellung ist hier nicht ganz so schlimm.
Aber bei 80, 90, 100.000 € Projektvolumen wird die strategische Bewertung vorab zum eigentlichen Gamechanger.
Weniger Menge, mehr Treffsicherheit
Genau diese Bewertungsarbeit ist der Kern strategischer Förderberatung wie ich sie verstehe. Insbesondere bei großen und komplexen Projekten.
Deswegen definiere ich Erfolg in einem Förderprojekt für mich auch nicht mehr nach der Anzahl der geschriebenen Anträge, sondern nach der Treffsicherheit, mit der die passenden Förderungen ausgesucht wurden.
Wenn ihr also nur eine Sache aus diesem Blogbeitrag mitnehmt, dann doch vielleicht die Frage: „Welche Ausschreibung lassen wir beim nächsten Projekt bewusst aus – und warum?“
tl;dr
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Ein Antrag ist eine einzelne Handlung. Eine Förderstrategie ist die Summe der Entscheidungen davor – inklusive der bewussten Entscheidungen gegen einzelne Fördermöglichkeiten.
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Nein. Nicht jede Ausschreibung, die formal zum Projekt passt, ist auch strategisch sinnvoll. Wichtiger als Masse ist die Passgenauigkeit zur eigenen Ausrichtung und Roadmap.
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Ein Antrag lohnt sich in der Regel nicht bei fehlender strategischer Passung, falschem Timing, einem schlechten Kosten-Nutzen-Verhältnis, wenn absehbar eine bessere Förderlinie ansteht, oder wenn nur die Verfügbarkeit eines Calls lockt, aber kein echter Bedarf besteht.
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Konzeptarbeit, Recherche und Abstimmung vor der Antragstellung sind grundsätzlich nicht förderfähig. Diese Zeit ist also immer unentgeltliche Arbeit – bei jedem einzelnen Antrag, unabhängig davon, ob er erfolgreich ist.